SySt als Sprache

 

»Ein Sachverhalt ist denkbar« heißt: Wir können uns ein Bild von ihm machen. (Ludwig Wittgenstein)
 
Wir denken, nach dieser Auffassung, in Bildern oder Sachverhalten, die durch Sprache erzeugt sind. Die Sprache macht uns danach erst zu dem, was wir sind. Ohne Sprache wären wir wohl eher instinktiv gesteuert und nicht vorwiegend motivational agierend, da ohne Sprache die interne Repräsentation eines psychologischen Ichs, das fähig zu Selbstwert und Selbstreflektion ist, zumindest nach dieser Auffassung, nicht möglich wäre. Ludwig Wittgenstein wird mit dem Satz zitiert: >>Könnten Löwen sprechen, hätten wir uns nichts zu sagen.<< Wittgenstein war (wie Alfred Korzybski, der eigentliche Erfinder des NLP) der Ansicht, daß die größte Fähigkeit des Menschen ist, sich durch Sprache, ein Bild der Wirklichkeit entwerfen zu können, um sich daran zu orientieren. Und wir benutzen Sprache, um sinnlich wahrnehmbar zu kommunizieren, um reale oder fiktive Wirklichkeiten, sinnlich wahrnehmbar auszudrücken (und zu überliefern).
 
Insa Sparrer & Matthias Varga von Kibéd sehen Aufstellungen ebenfalls in Analogie zu einer Sprache. Nach ihrer Auffassung können Aufstellungen als angewandte Bildtheorie des Satzes der logisch-philosophischen Abhandlung Ludwig Wittgensteins gesehen werden. Zwar könnten Aufstellungen auch als hypnotherapeutisches Verfahren interpretiert werden, seien aber eben kein Verfahren, sondern eine Sprache, und auch eine besondere Form von Sprache, eine transverbale Sprache. Deshalb könne alles, was durch Sprache benannt werden kann und damit symbolisiert ist, auch aufgestellt werden. Eine Strukturaufstellung kann deshalb beliebige Elemente beinhalten, beispielweise Elemente aus sozialen, psychischen und physischen Systemen. Die sogenannte Tetralemmaaufstellung besteht sogar aus rein abstrakten Elementen, da sie dem logischen Modell des Tetralemmas nachempfunden ist.
 
Demnach wird in einer Aufstellung zwar das innere Bild eines Systems aufgestellt, vielmehr aber ein Satz abgebildet. Etwas verständlicher wird die Analogie zur Bildtheorie des Satzes, wenn wir uns ein Aufstellungsbild als einen komplexen Satz vorstellen, der aus Elementarsätzen der Form aRb (a steht in einer gewissen Beziehung R zu b) zusammengesetzt ist. Das gesamte Beziehungsgefüge, die Struktur, drückt dann den Sinn des Satzes aus, so wie der Klient als Gesamtorganismus ihn sich denkt. Und, da der Klient als Beobachter der Aufstellung Teil des Beobachteten ist, kann er diesen Sinn (zumindest qualitativ) erfassen.
 
Die logisch-philosophische Abhandlung Ludwig Wittgensteins, die als Tractatus Logico-Philosophicus bekannt wurde, gilt als das bedeutendste sprachwissenschaftliche Werk der Neuzeit und beschäftigt sich unter anderem damit, wie wir es schaffen, uns Bilder der Wirklichkeit zu machen, auf welche Art und Weise wir in diesem Bildern selbst vorkommen und wie es möglich ist, daß eine Tatsache (beispielsweise eine Aufstellung) das Bild einer anderen Tatsache (beispielsweise einer Familie) sein kann. Welt, Wirklichkeit und Sprache sind nach dieser Auffassung miteinander verknüpft.

 

 

Die Repräsentanten stellvertretend für Substantive und Nominalisierungen,
die Abstände und Winkel der Repräsentanten zueinander stellvertretend für Prädikate und Relationsausdrücke,
die Körperempfindungen der Repräsentanten stellvertretend für Adjektive und Adverbien.
 
Einen Satz zu verstehen heißt, zu wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist.
Die Repräsentanten sind stellvertretend für den Klienten die Experten* für diese Wirklichkeit
hinsichtlich der Semantik (hier nur Bewertungen, keine Inhalte) und der Handlungstheorie (Wahlmöglichkeiten),
(der Aufstellungsleiter ist sprachwissenschaftlich gesehen ein Experte für die Syntax / Grammatik und die Zeichentheorie).
 
*Grundannahme: Die Repräsentanten bilden ein Kommunikationssystem ab, das ihnen ihre Bedeutung zuweist.

 

Unter der Prämisse, Systemische Strukturaufstellungen als Sprache zu verstehen, können den einzelnen Sätzen, also den einzelnen Aufstellungsbildern, die im Verlauf eines Aufstellungsprozesses entstehen, folgende Modalformen zugeordnet werden:
 
Das erste Bild B1 ist im Indikativ Präsens formuliert.
 
Die folgenden Bilder Bi sind Formen des Konjunktivs.
 
Eine Intervention ist ein Fragesatz.
 
Das Lösungsbild BΩ, mit dem eine Systemische Strukturaufstellung endet, steht im aramäischen Modus, einer Zeitform, die es im Deutschen nicht gibt, die aber im Aramäischen (zum Beispiel in der Bibel) sehr gebräuchlich ist. Matthias Varga von Kibéd charakterisiert ihn wie folgt: "Der aramäische Modus ist die partielle Verwirklichung eines zukünftigen Ereignisses in der Gegenwart als Nachweis dafür, daß eine Möglichkeit wirklich besteht." Dies ist auch der Modus, in dem die Wunderfrage der SFT beantwortet wird.

 

Quellen: Matthias Varga von Kibéd sowie Helmut J. Wresnik, "Von Bild zu Bild - Arbeiten mit Systemischen Strukturaufstellungen"